Wissenschaftsjournalismus zwischen neuen Strukturen und Nutzwertthemen
B4_Diskussion
Freitag, 16. Oktober | 11.00–12.30 | Schloss Herrenhausen | Untergeschoss, Seminarraum 5/6
- Mustafa Benali, Leiter Kompetenzcenter Wissen/Bildung/Schule, WDR
- Korinna Hennig, Teamleiterin Wissen, NDR Info
- Sigrid März, Freie Journalistin, Investigativstation
- Eva Stanzl, Redakteurin, Wiener Zeitung & Vorsitzende Klub der Wissenschaftsjournalist:innen Österreich
- Moderation: Prof. Annette Leßmöllmann, Professur für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Linguistik, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Unser Ansatz: Der Wissenschaftsjournalismus sieht sich aktuell mit zwei Trends konfrontiert, die seinen Kern und sein Selbstverständnis berühren: Die tagesschau-Redaktion streicht die vor vier Jahren eingeführte Ressortleitung Wissenschaft, künftig sollen die ARD-Kompetenzzentren der Landessender Wissenschaftsthemen ohne koordinierende Stelle in Hamburg einspeisen. Währenddessen stampft der Deutschlandfunk im Zuge seiner Programmreformen nach über 40 Jahren seine Sendung „Forschung aktuell“ ein, die Fachredaktionen sollen nun um Sendeplätze in den reichweitenstärkeren Informationssendung pitchen.
Dieses Schrumpfen von Strukturen in der öffentlich-rechtlichen Wissenschaftsberichterstattung trifft auf eine Dominanz von Ratgeber- und Nutzwertthemen: Narzissmus, Longevity, ADHS, Beziehungen, Rücken, ETFs – wer auf die Websites der großen Medien geht, stößt vermehrt auf Ratgeber- und Nutzwert-Themen. Vor allem die Bereiche Work, Fitness, Health, Psychologie und Geld werden prominent bespielt. „Harte“ und fundierte Berichterstattung rutscht in den Hintergrund, ist schwerer zu finden – und wird teils tatsächlich vernachlässigt zugunsten der Ratgeber. Schnelle Interviews verdrängen aufwendige Recherchen und ausgewogene Analysen.
Wir wollen mit leitenden Redakteur:innen und freien Kolleg:innen darüber nachdenken, welche Folgen diese Dynamiken für den Wissenschaftsjournalismus haben: Wird der Nutzwert zum „Totengräber“ der fundierten Wissenschaftsberichterstattung? Oder bieten die Reformen und neuen Strukturen die Chance, neue Publikumsgruppen zu erschließen – wie es etwa der Wiener Zeitung gelingt? Und wie ließe sich faktenorientierter Journalismus über Wissenschaft in neue „gefühligere“ oder leichter konsumierbare Formate überführen? Oder handelt es sich um schlicht und ergreifend um eine ungewohnte Phase einer „neuen redaktionellen Realität“ für die Wissenschaftsressorts, die nun ihre „Nische“ verlassen und sich im binnenredaktionellen Konkurrenzkampf gegenüber den anderen Ressorts behaupten müssen?

Korinna Hennig, Teamleiterin Wissen, NDR Info
Foto: Christian Spielmann/NDR

Eva Stanzl, Redakteurin, Wiener Zeitung & Vorsitzende Klub der Wissenschaftsjournalist:innen Österreich
Foto: Roland Ferrigato

Prof. Annette Leßmöllmann, Professur für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Linguistik, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) [Moderation] Foto: KIT/Marcus Breig
